KI einführen. Prozesse digitalisieren. Neue Geschäftsmodelle entwickeln. Nachhaltiger werden. Fachkräfte sichern. Auf geopolitische Veränderungen reagieren. Wer heute ein mittelständisches Unternehmen führt, bekommt ziemlich viele Antworten auf die Frage, was jetzt dringend getan werden müsste.
Die schwierigere Frage ist eine andere: Was davon ist für unser Unternehmen wirklich richtig?
Denn Zukunftsfähigkeit bedeutet für mich nicht, möglichst vielen Trends zu folgen. Und ein etabliertes Unternehmen muss sich auch nicht ständig neu erfinden. Im Gegenteil. Gerade Unternehmen, die seit Jahrzehnten erfolgreich sind, besitzen etwas Wertvolles: Sie starten nicht bei null. Sie haben Wissen, Erfahrung, Kundenbeziehungen, Reputation, Prozesse und Fähigkeiten, die andere erst aufbauen müssen.
Die Frage ist nur: Was davon brauchen wir auch für die Zukunft?
In Innovationsworkshops wird gerne „out of the box“ gedacht. Das kann großartige Ideen hervorbringen.
Für etablierte Unternehmen finde ich eine andere Übung mindestens genauso spannend: Thinking inside the box.
Denn was befindet sich eigentlich in dieser Box?
Vielleicht ein über Jahrzehnte aufgebautes Wissen über Kunden, Materialien oder Produktionsverfahren. Vielleicht ein Prozess, den intern jeder für selbstverständlich hält, der aber einen echten Wettbewerbsvorteil darstellt. Vielleicht Beziehungen zu Kunden und Lieferanten, die weit über Verträge hinausgehen. Oder eine Fähigkeit, die bisher für ein bestimmtes Produkt genutzt wird und in einem neuen Markt plötzlich wertvoll werden könnte.
Das Spannende daran: Gerade das, was ein Unternehmen besonders gut kann, wird intern häufig gar nicht mehr als besondere Stärke wahrgenommen.
Es ist eben einfach da.
Natürlich wäre es genauso falsch, nun alles Bestehende erhalten zu wollen. „Das haben wir schon immer so gemacht“ ist keine Zukunftsstrategie. Aber „Das müssen wir jetzt völlig neu denken“ ist auch keine.
Die eigentliche strategische Arbeit liegt dazwischen. Was ist überholt und darf weg? Was sollten wir weiterentwickeln? Was lässt sich mit neuen Technologien verbinden? Und was ist so wertvoll, dass wir unsere Zukunft gerade darauf aufbauen sollten?
Genau das meine ich mit Tradition goes Future®: nicht Tradition bewahren, sondern ihren zukünftigen Wert herausarbeiten. Das kann am Ende übrigens bedeuten, sich von etwas zu trennen, das jahrzehntelang zum Unternehmen gehört hat. Zukunftsfähigkeit braucht keine Nostalgie, sondern Klarheit.
Gerade bei künstlicher Intelligenz lässt sich beobachten, wie schnell Unternehmen mit dem Werkzeug beginnen. Wo können wir KI einsetzen? Welche Prozesse können wir automatisieren? Welche Agenten brauchen wir?
Ich würde vorher eine andere Frage stellen: Was soll unser Unternehmen in Zukunft besonders gut können?
Erst dann lässt sich sinnvoll entscheiden, wo Technologie einen Vorteil schafft und wo der Mensch den Unterschied macht.
Vielleicht kann KI einen aufwendigen Prozess erheblich effizienter machen. Vielleicht automatisieren wir damit aber auch genau den Kontakt, den unsere Kunden besonders schätzen. Vielleicht fallen bestimmte Tätigkeiten künftig weg. Gleichzeitig könnten Erfahrungen und Fähigkeiten von Mitarbeitern an anderer Stelle plötzlich sehr viel wertvoller werden.
Technologie eröffnet Möglichkeiten. Sie nimmt uns die Entscheidung nicht ab, welche Zukunft zu unserem Unternehmen passt.
Deshalb gehören für mich bei jeder Zukunftsentscheidung drei Perspektiven zwingend dazu: Unternehmer, Mitarbeiter und Kunden.
▸ Welches Unternehmen möchte ich als Unternehmerin oder Unternehmer in fünf oder zehn Jahren eigentlich führen?
▸ Welche Fähigkeiten brauchen meine Mitarbeiter dann – und welche Rolle sollen Menschen in diesem Unternehmen spielen?
▸ Und was werden meine Kunden künftig erwarten? Wo wollen sie Geschwindigkeit und Automatisierung – und wo Vertrauen, Erfahrung und einen Menschen, der Verantwortung übernimmt?
Diese Fragen werden schnell sehr konkret. Denn eine technologisch mögliche Lösung ist noch lange keine gute unternehmerische Lösung.
Wenn Unternehmen über Zukunft nachdenken, richtet sich der Blick verständlicherweise nach außen: Welche Technologien kommen? Wie verändern sich Märkte? Was macht der Wettbewerb? Welche gesellschaftlichen und geopolitischen Entwicklungen werden relevant?
Diese Fragen sind wichtig.
Mir fehlt nur häufig die zweite Hälfte. Was kommt auf uns zu?
Und: Was bringen wir mit?
Genau deshalb verbinde ich beim Future Readiness Check beide Blickrichtungen. Wir betrachten die Entwicklungen außerhalb des Unternehmens und stellen ihnen das gegenüber, was bereits vorhanden ist.
Welche heutigen Fähigkeiten gewinnen durch neue Entwicklungen an Wert? Welche verlieren ihn? Wo wird eine gewachsene Struktur zum Hindernis? Welche Kompetenz ließe sich auf einen neuen Markt übertragen? Und was können wir, das ein neuer Wettbewerber nicht innerhalb von zwei Jahren nachbauen kann?
Erst aus diesen beiden Perspektiven entsteht für mich eine belastbare Vorstellung davon, wo ein Unternehmen hinwill.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft an etablierte mittelständische Unternehmen: Sie haben bereits sehr viel von dem, was Sie für Ihre Zukunft brauchen könnten. Sie müssen herausfinden, was davon. Und gleichzeitig den Mut haben, sich von dem zu trennen, was seinen Wert verloren hat.
Zukunftsfähigkeit bedeutet deshalb für mich weder, am Bewährten festzuhalten, noch jedem neuen Trend hinterherzulaufen.
Sie entsteht dort, wo ein Unternehmen versteht, was es aus seiner Vergangenheit mitnehmen sollte, und daraus bewusst etwas Neues macht.